Gästekommentar
Also unsere Tour war prima, total interessant.
Die Jungs vor Ort waren hervorragend. Alle sehr sehr nett, kenntnisreich und konnten auch noch kochen. Aldair hat mit seiner Fröhlichkeit dem ganzen dann die Krone aufgesetzt. Wir sind unter den Urwaldumständen wirklich königlich behandelt und geführt worden.
Leider lässt unsere Zeit es wohl nicht zu, dieses Jahr nochmals nach Brasilien zu kommen. Die Expedition zum Casiquiare lässt mich aber nicht in Ruhe. Halte mich doch auf dem laufenden, denn zum Pico da Neblina schaffe ich es dieses Jahr sicher nicht mehr.
Aber vielleicht geschieht ja noch ein Wunder. Ich habe eben nochmals deine Seite aufgerufen und die ganzen Ideen für dieses Jahr gesehen.
Dr. Michael Heller
„Amazonien ist ein einziges gewaltiges Paradies, woran auch die Heere von Moskitos nichts ändern.„
Cristóbal de Acuña, spanischer Jesuit, in „Eine neue Entdeckung der großen Flüsse Amazoniens”, 1641
Tobias Rothenfluh
Corinne Gut
Peter Rohmer (SCTE/Brasilien)
Tristan Wolfe (SCTE/UK)
Aldair, Jeremias und Alberto (Guides)
Expeditionsleitung und Teilnehmer treffen sich in der Urwaldmetropole und Hauptstadt des Bundeslandes Amazonien, Manaus. Hier absolviert man das klassische Besucherprogramm. Interessant ist das alte Opernhaus, das seine Blütezeit während des Kautschukbooms hatte, und die Markthallen am Hafen, die den ehemaligen Pariser Les Halles nachempfunden sind. Der Hafen selbst fasziniert mit seinem bunten und geschäftigen Treiben, dem Be- und Entladen der Amazonas-Fracht- und Passagierschiffe, Gaiolas („Käfige”) genannt, die von hier aus in die hintersten Winkel dieses riesigen Gebietes fahren. Einbäume und Boote aller Größen und Formen kurven rasant zwischen den größeren Schiffen hin und her. Man übernachtet in einem einfachen aber sauberen Hotel mit schönem Blick auf den Hafen und den Rio Negro.
Ein früher Flug mit Rico Air, der regionalen Fluglinie Amazoniens, bringt die Gruppe in 2 Stunden Flug, immer dem Verlauf des Rio Negro in westlicher Richtung folgend, in die Grenzerstadt São Gabriel da Cachoeira. Aldair der Chef-Guide, ein sympathischer Tukano-Indio, begrüßt die Gruppe auf dem Flughafen. Einquartierung im Hotel Waupés, direkt an den Ufern des Rio Negro gelegen. Erste Erkundungsfahrten und auschecken des 40-PS-Außenbordmotors auf den Stromschnellen bringt befriedigende Ergebnisse. Für das Einholen der Genehmigungen zum Betreten der Indianergebiete hat die Expeditionsleitung inzwischen gesorgt.
Früher Aufbruch (6.30 Uhr). Nach einem herzhaften Frühstück im Hotel wird die Ausrüstung in dem großen Kanu verstaut, das uns am Sandstrand des Rio Negro erwartet. Um 8.00 Uhr geht es los. Selbst um diese Zeit schon brütet die Sonne über Amazonien und schafft eine schöne Atmosphäre, um uns auf unseren Expeditionsbeginn einzustimmen. Nach 15 Minuten erreichen wir den malerischen Hafen von Camanaus, wo die Guides anlegen, um Benzinkanister und frische Bananen zu laden, während Peter, Tristan und die Expeditionsteilnehmer eines der Schiffe besichtigen, das gerade aus Manaus gekommen ist. Die dreitägige Reise kann jeden Freitag unternommen werden und bietet eine Alternative zum Flug mit Rico Airlines.
Zurück an Bord, fahren wir weiter den Rio Negro stromabwärts – mit frischen, winzigen, aber süßen Bananen im Bauch. Freudige Erregung über die bevorstehende Abenteuerreise überfällt uns bei unserer nächsten Anlegestelle beim Sítio Jeremias, sehr schön am Flussufer gelegen, wo wir buchstäblich den ersten Geschmack davon erhalten, was uns erwartet. Hier probieren wir einige der köstlichen tropischen Früchte, die in der Region wachsen: Frische Kokosmilch, Cayenne Limonen (die wie Stachelbeeren schmecken) und Guaven. Die Guides holen hier Werkzeuge für eventuell anfallende Reparaturen am Außenbordmotor des Kanus ab.
Nach 45 Minuten fahren wir weiter zur Mündung des Rio Curicuriari. Wir vertäuen das Boot bei einem Tukano-Indiodorf, da wir die traurige Nachricht überbringen müssen, dass der Sohn des Häuptlings in der Stadt gestorben ist. Trotz des morbiden Anlasses sind die Dorfbewohner (allen voran die Kinder) neugierig und erfreut über unseren Besuch. Peter lässt sich mit den Indiokindern fotografieren. Mittlerweile ist es die heißeste Tageszeit und Peter, Tristan und Jeremias stürzen sich in den erfrischenden Fluss, bevor die Reise auf dem Rio Curicuriari zu einem traumhaften Wasserfall weitergeht, dessen Umgebung der Ausgangspunkt für unsere Expedition zu Fuß am zweiten Tag ist.
Der Wasserfall liefert eine weitere exzellente Gelegenheit zum Baden, obwohl man aufpassen muss, nicht von den starken Strömungen des Flusses mitgerissen zu werden. Vom Baden entspannt, führt uns Aldair auf einer kurzen Entdeckungstour in den Dschungel (die unseren Expeditionsteilnehmer einen Vorgeschmack auf die nächsten Tage bietet). Währenddessen haben Jeremias und Alberto ein Picknick zubereitet, das aus Dosen Thunfisch, Brot und einer, auf dem Feuer gegrillten, Pfefferwurst besteht, die wir mit eiskalter Cola aus unserer Kühlbox herunterspülen.
Danach geht es mit dem Kanu einen kurze Strecke (10 Minuten) stromaufwärts zurück zu unserem Zielort des ersten Tages, den wir um 15.00 Uhr erreichen: São Jorge, ein weiteres kleines Indio-Dorf des Tukano-Stammes, wo wir vom Häuptling (hier capitão gennant) und den Dorfbewohnern warmherzig willkommen geheißen werden. Die Vereinigung Acibrn organisiert die Gemeinde zusammen mit drei anderen vom unteren Rio-Negro-Becken. Zweck der Vereinigung ist es, Traditionen, Werte und Gebräuche zu bewahren und gleichzeitig das Bewusstsein für die Bürgerrechte zu fördern, auf die alle Indios Anspruch haben. Wie in den alten Zeiten, bevor sie von den katholischen Missionaren im ausgehenden 18. Jahrhundert „zivilisiert” wurden, benutzen sie immer noch handgemachte Werkzeuge im Alltag, wie etwa die Maniok-Mahlsteine, Pressen, und Röstschüsseln. Maniok und Fisch in den verschiedensten Formen der Zubereitung liefern die Hauptnahrung der Tukanos, obwohl sie auch Bananen anpflanzen, um sie gegen Bohnen und Medikamente zu tauschen. Die traditionellen Hütten sind hier aus Stöcken und Lehm gebaut, die Dächer mit Blättern wilder Açaí-Palmen gedeckt, zusammengehalten durch Lianen-Fasern. Sie wirken extrem stabil und im ganzen sieht der Ort sauber, sehr organisert und gut strukturiert aus.
Wir werden in die Gemeinschaftshütte geführt, in der wir an einem Gottesdienst teilnehmen (die Hauptreligion hier ist der Katholizismus), während der erste Regenguss unserer Reise fällt. Später spannen wir im selben Gebäude unsere Hängematten auf. Unsere Guides haben inzwischen über einem Feuer unser Abendessen zubereitet: Fleischspieße, Reis und Teigwaren, alles auf Geschmack und Bedürfnisse der einzelnen Gruppenmitglieder von Southern Cross Tours bestellt (einschließlich der vegetarischen Gerichte für Corinne, unsere vegetarische Expeditionsteilnehmerin). Schon bald nach dem Abendessen ziehen wir uns in unsere Hängematten zurück, um unsere erste Nacht im Busch zu verbringen. Für unsere Expeditionsteilnehmer ist es gleichzeitig die erste Nacht in einer Hängematte.
Wieder beginnt der Tag früh (6.00 Uhr), da wir vom Dorfpriester geweckt werden, der mit Hingabe auf eine Blechbüchse hämmernd, den Stamm zum Morgengebet ruft. Zum Frühstück wird dem Southern Cross Team Maniokbrei im Fischsud und schärfstem Pfeffer angeboten. Man probiert aus Höflichkeit, zieht jedoch nahrhaftes Müsli, Toast und Marmelade, Kaffee vor. Tristan bedient sich aus seinem privaten Vorrat mit englischem Tee. Auf dem Weg zu unserem Kanu beobachten wir die Dorfbewohner, wie sie einen Baumstumpf tief aus dem sandigen Boden ausgraben, um Platz für eine neue Schule zu schaffen. Um 8.45 Uhr fahren wir mit dem Kanu zum Wasserfall, den wir am Vortag besucht haben und der Ausgangspunkt für unseren Dschungeltrail ist. Auf dem Weg verstecken wir Teile der Ausrüstung (Zelte, Isomatten und die 70-Liter-Kühlbox) sowie Lebensmittel, die wir nicht brauchen werden, auf einer verlassenen Maniokpflanzung, um sie nach unserem Trail wieder einzusammeln. Beim Wasserfall sichern die Guides das Boot am Flussufer und verstecken den Motor und die Treibstoffkanister im dichten Busch für den Rückweg.
Schon nach ein paar Minuten Fußweg können wir die ersten Anzeichen von Wildtieren entdecken. Das erste, was wir sehen, sind schwingende Zweige oben in den Baumkronen, die für die Anwesenheit von Affen sprechen, aber trotz all unserer Anstrengungen, sind sie schon verschwunden, bevor wir einen flüchtigen Blick auf sie werfen können, als ob sie mit dem Wünschen der Expeditionsteilnehmer spielten, sie zu sehen! Wir setzen den Weg fort und unsere Geduld wird kurz darauf belohnt, als wir ein Waldhuhn (Inhambú) fünf Meter vor uns von einem Zweig auffliegen sehen, bevor es im Dickicht verschwindet. Wir schrecken eine Rotte Peccari-Wildschweine auf, die mit Getöse davonstieben. Sehen (und fühlen!) können wir auch ein Heer von Blattschneiderameisen, das in militärischer Ordnung Pflanzen abtransportiert, sowie einen Bau fliegender Ameisen (Sauva, die bis zu drei Zentimetern lang werden). Peter erzählt uns die Geschichte, wie diese beißenden Insekten für eine Mutprobe der Indiojungen genutzt werden: Sie müssen Strohhandschuhe mit betäubten Sauvas anziehen. Wenn der Betäubungseffekt nachlässt, verbeißen sich die Ameisen in den Händen der Jungen, was starken Schmerz verursacht. Wer von den Jungen am wenigsten Schmerz zeigt, wird in die Welt der Erwachsenen.
Wir wandern durch ursprünglichen Terra-Firme-Wald (eine der drei Vegetationsarten der amazonensischen Regenwälder), der nicht im Überschwemmungsbereich der Flüsse liegt und somit leicht zugänglich ist. Die zweite Vegetationsart sind die Igapó-Wälder, die ständig überflutet sind und durch die man nur mit dem Kanu auf der Höhe der Baumkronen fahren kann. Die dritte Art sind die Várzea-Wälder, die in der Region der Weißwasserflüsse gedeihen und teilweise (von Mai bis Ende September) überschwemmt sind. Im Terra-Firme-Wald wachsen die höchsten Bäume und wir sehen bis zu 50 Meter hohe Brettwurzler, für die mindestens zehn Personen nötig wären, um sie zu umarmen!
Während der zwei Stunden lockeren Fußmarsches können wir in Muße den dichten Wald um uns herum bewundern und fotografieren. Wir stapfen über Blattwerk, auf morastigem Boden und über gewaltige Baumwurzeln bevor wir einen Seitenarm (Igarapé) des schnell fließenden Stroms Arabú erreichen (der im Bela-Adormecida-Massiv entspringt und den Rio Curicuriari speist). Hier gibt uns allen die Gelegenheit zu einem erfrischenden Bad, außer den Guides, die auf den dunklen Himmel blickend, eilig ein bereits bestehendes Camp herrichten und vergrößern, um alle komfortabel unterzubringen. Mitten im Aufbau beginnt ein sintflutartiger Regenguss und hastig breiten wir eine Plane über unsere Ausrüstung. Als der Regen nachlässt, machen wir es uns in unsere Hängematten gemütlich, während die Guides unser Essen (Huhn, Reis, Bohneneintopf, Wurst) auf dem Feuer zubereiten. Ein zweiter starker Regenguss verhindert die nachmittägliche Entdeckungstour unserer Expeditionsteilnehmer. Als Entschädigung mixt Peter uns exotische Batidas aus Zuckerrohrschnaps und Fruchtsaft, während Tristan ein weiteres Feuer am anderen Ende des Camps anzündet, um die Moskitos zu vertreiben. Im Dschungel wird es etwa um 19.00 Uhr dunkel. Alle ziehen sich nach dem Abendessen in ihre Hängematten zurück, nur Peter und Tristan sitzen noch am Feuer und gönnen sich den Luxus einer Tasse Yorkshire Tee, den Tristan den weiten Weg aus England mitgebracht hat!
Um 6.00 Uhr wachen wir auf von erneutem Regen, der unsere Guides aus ihren unter den Bäumen aufgespannten Hängematten springen lässt, um unter dem Dach Schutz zu finden! Nach dem üblichen köstlichen Dschungelfrühstück beginnen wir unsere Tour mit dem Überqueren des Igarapé. Einmal mehr bewundern wir auf dem Weg die ungeheure Artenvielfalt von Flora und Fauna. Aldair vermittelt uns viel von seinem indianischen Wissen, das in Tausenden von Jahren zusammengetragen wurde (was Peter ausgezeichnet übersetzt, damit alle Teilnehmer etwas davon haben). Bei einer umgefallenen Açai-Brava-Palme erklärt er uns beispielsweise, dass ihre Wurzeln mit Wasser vermischt zur Behandlung von Malaria dienen. Wir treffen auch auf knospende Orchideen und eine Vielzahl von Früchten und Nüssen, die auf dem Waldboden liegen.
Nach einem dreistündigen Marsch durch den dichten Regenwald erreichen wir den Fuß des Bela-Adormecida-Berges (dem „Dornröschen” genannten Massiv in Form einer schlafenden weiblichen Gestalt!). Hier überqueren wir nochmals den Arabú Fluss. Wie verzaubert wirken die Bäche und Becken zwischen riesigen Felsblöcken-Pools, die in allen Grünschattierungen von Flechten und Moosen überzogen sind. Peter und die Expeditionsteilnehmer genießen die märchenhafte Umgebung (Peter findet gar ein Goldkorn in einem der Wasserbecken), während Tristan den Guides hilft, das Camp aufzubauen, indem er Lianen sammelt (mit denen die Stützbalken des Baus zusammengebunden werden). Nachmittags begeben sich die Expeditionsteilnehmer auf eine Dschungelentdeckungstour, die ihnen exzellente Fotomotive der artenreichen Flora und Fauna des nördlichen Amazoniens bietet. Währenddessen instruiert Peter Tristan über den morgigen Aufstieg auf den „Dornröschen-Berg”, da er selbst im Camp bleiben wird.
Das Camp sieht großartig aus, wirklich professionell. Die Guides haben die Hängematten abgedeckt, um sie vor den abendlichen Regengüssen zu schützen, und alles ist perfekt für die Rückkehr der Expeditionsteilnehmer vorbereitet. Peter und Tristan haben ein hervorragendes Feuer zustande gebracht (um mit den Guides zu konkurrieren!), über dem wir versuchen, unsere Kleidung trocken zu räuchern!
Sobald die Dunkelheit sich über den Dschungel legt, setzt eine vielstimmige Geräuschsymphonie ein. Der Ruf des Inhambú ist fast immer vorherrschend, doch wir können auch andere Stimmen hören, wie die ganzer Froscharmeen und die der Tukane. Die Guides stellen Kerzen rund um das Camp auf zum Abendessen und verleihen dem ohnehin schön gelegenen Platz einen Touch von Mystik und Abgeschiedenheit - der perfekte Ort zum ruhigen Insichgehen abseits vom Stress und der Anspannung des hektischen westlichen Lebensstils. Alle genießen ein das Abendessen . Dann folgt eine frühe Nachtruhe, um fit für den Aufstieg am 6. Tag zu sein.
Weckruf um 6.00 Uhr nach der bisher kühlsten Nacht, in der alle ihre leichten Wollpullover angezogen haben, um die Kälte der Nachtluft abzuhalten. Nach einem raschen Frühstück beginnen Trsitan, Alberto, Jeremias und die Expeditionsteilnehmer ihren Aufstieg um 7.15 Uhr. Der Kampf bergauf ist unerbittlich mit nur sehr wenigen ebenen Stellen, doch wir kommen gut voran. Alberto markiert unseren Weg mit seiner Machete an den Bäumen, um unseren sicheren Abstieg zu gewährleisten. Nach zwei Stunden steilen Aufstiegs erreichen wir eine kleine Schlucht, an der wir rasten und frisches, kühles Wasser aus einer Quelle trinken, die aus der Bergwand fließt. Nach zehn Minuten führen wir unseren Aufstieg fort und klettern über moosbedeckte Felsbrocken (von denen einige größer als Tristan mit seinen 1,75 m sind!). Sowie wir an Höhe gewinnen, kommt Wind auf und die Wolken hüllen uns ein. Bald kommen wir an ein nahezu senkrechtes Stück ohne Baumwurzeln oder Lianen, die uns Halt bieten würden, und so müssen wir uns anseilen, um den Aufstieg fortzusetzen. Auf einem Felsen vor uns sprießen aus einer Spalte gelbe Orchideen, wahrscheinlich Cataseum pileatum. Wir stehen plötzlich vor einer cirka 20 m hohen, fast vertikalen Wand (schwieriger und höher – 20 m – als die letzten beiden), als der Gipfel schon in Reichweite ist. Bei diesem schwierigen Hindernis staunen wir, als Alberto (Mitte 50) an einem altersschwachen Seil (das aussieht, als wäre es schon über 30 Jahre hier) hochklettert, um uns ein neues herunterzuwerfen. Tristan prüft es auf seine Haltbarkeit und klettert als erster hoch, bevor Jeremias die Expeditionsteilnehmer fachmännisch anseilt und sie hinaufgezogen werden. Nachdem alle sicher oben angekommen sind, bewältigen wir die letzten 30 Meter dichten Waldes, der in den vergangenen 20 Jahren scheinbar nicht mehr betreten wurde – bis zum Gipfel des Bela Adormecida (Ankunft um 11.15 Uhr).
Der Blick von der Bergspitze ist atemberaubend. Der amazonensische Regenwald unter uns ausgebreitet wie eine Decke. Auf einer Höhe von 1125 m über dem Meeresspiegel (900 m Aufstieg vom Camp aus) können wir einige der Orte sehen, die wir bisher besucht haben, wie São Gabriel da Cachoeira, den Hafen von Camanaus, den Rio Negro und den Curicuriari sowie die Siedlung São Jorge. Tristan versucht, den Wasserfall zu erkennen, wo wir das Kanu vertäut haben, doch aus dieser weiten Entfernung ist es reines Wunschdenken! Wir bleiben eine Stunde auf dem Gipfel und genießen die wunderschöne Aussicht, die spektakuläre Fotomotive liefert, die Ruhe um uns herum und die Natur mit strahlend weißen Orchideen, die wir nicht identifizieren können, singenden Vögeln – und unseren ersten Blick auf die Sonne, seitdem wir in den Dschungel eingetaucht sind!
Nach dem Essen stellt Tristan eine Dschungelflagge (ein Stock und ein großes Blatt) auf, um die Eroberung des Gipfels durch unsere Gruppe zu signalisieren, bevor wir uns auf den Rückweg machen. Der Abstieg geht viel mehr auf die Knie als der Aufstieg und das behelfsmäßige Abseilen ist entschieden für die mutigeren und abenteuerlustigeren Naturen. Wir überwinden sicher die Hindernisse auf unserem Weg (senkrechte Wände, Hornissennester und Schlangen – Cobra Cipó) bis wir gegen 15.00 Uhr das Camp erreichen. Hier begrüßen uns Peter und Aldair mit Sardinensalat und zusammengezimmerten Kleiderständern zum Trocknen unserer Kleidung. Bevor wir Peters köstliches Mahl genießen, nehmen wir ein entspannendes Bad in den Pools. Die Tagestour war anstrengend, deshalb fallen die Wanderer wie Säcke in Ihre Hängematten. Der Trail zum „Dornröschen” vom Amazonas ist die schönste Tagestour die ich bisher unternommen habe. Anfänger wie erfahrene Bergwanderer kommen hier voll auf ihre Kosten.
Nach einem gemächlichen Tagesbeginn mit Frühstück um 7.45 Uhr, brechen wir mit Alberto und Jeremias ohne Gepäck zu einer verlassenen Aquamarinmine auf. Auf dem Weg sehen wir (wieder einmal) Flora und Fauna, über die man sonst nur liest wie die traubenartigen Reben auf dem Waldboden, die gigantischen brasilianischen Nussbäume (Bertholletia exelsa) und die berühmten Gummibäume (Hevea brasiliensis). Die reiche Geschichte des Gummibaums in Brasilien ist es wert, hier erwähnt zu werden.
Die Omagua-Indianer entdeckten die Eigenschaften des Kautschuks im 18. Jahrhundert. Doch es war Charles Goodyears Entdeckung der Vulkanisation im Jahre 1844 und die Entwicklung des Luftreifens im Jahre 1888, die die kommerzielle Explosion verursachten. Der Kautschukpreis schnellte in die Höhe und im Jahre 1897 produzierten Gummizapfer (Seringueiros) in Brasilien 21.000 Tonnen „flüßiges Gold” und waren für 88 Prozent der weltweiten Gummiexporte verantwortlich, was ein ungewöhnlich starkes Monopol schuf und die Hafenstadt Manaus um 1900 dank der „Gummibarone” in eine der reichsten Städte der Welt verwandelte. Doch die Geschichte verliert ihren süßen Geschmack, als der englische Botaniker Henry Wickham (1876) 70.000 Hevea brasiliensis Samen auf ein Dampfschiff lud, aus Brasilien schmuggelte (unter dem Vorwand, es wären seltene Pflanzenproben für Queen Victoria) und sie in von Engländern kontrollierten Plantagen in Malaysia anpflanzte, wo sie um das Jahr 1912 reif zur vollen Kautschuk-Produktion waren. Brasiliens Preise konnten so unterboten werden, gerade vor dem Ersten Weltkrieg, und innerhalb eines Jahrzehnts wurde Manaus wieder zu einer abgelegenen Urwaldstadt. Der amerikanische Industrielle Henry Ford (Erfinder der Fließbandproduktion) versuchte mit den Engländern zu konkurrieren, indem er seine eigenen Amazonas-Plantagen anlegte (bei Fordlândia und Belterra, die immer noch 500 Meilen von Belém vom Amazonas aus sichtbar sind), um seine Reifen für das Modell-T herzustellen, jedoch hatte er keinen Erfolg. Die Entwicklung des Kunststoffes in den 40er und 50er Jahren machte dann fast allen Kautschukproduktionen auf der Welt ein Ende.
Zurück zum Weg zur Aquamarinmine, wo wir ein wildes Schwein zwischen hohen Felsformationen herumrennen sehen, in denen tiefe Höhlen klaffen, ideale Verstecke für Jaguare. Obwohl wir keines dieser prachtvollen Tiere zu sehen bekommen, erstarren wir beim Anblick der Baumrinden, an denen sie ihre Krallen geschärft haben.
Wir gehen weiter und kommen zu dem Platz, an dem früher die Minenarbeiter (Garimpeiros) ihre Camps hatten, von denen einige noch immer zu sehen sind, obwohl der Wald sich längst regeneriert hat, nachdem die Garimpeiros im Jahre 1994 abzogen waren, als das Militär die Mine stillgelegt hatte. Wir befinden uns hier tief im Regenwald, abgeschnitten von jeglicher Zivilisation und es ist schwer sich vorzustellen, wie sie es geschafft haben, all die schwere Ausrüstung und die nötigen Versorgunsgüter für die langdauernden Minenarbeiten hier erstmals herzubringen. Unser Guide Alberto erzählt uns auch die Geschichte von einem Gaúcho aus dem Süden, der hier grub und 20 kg kostbarer Aquamarine zum Verkauf nach Manaus brachte und versprach mit notwendigem Nahrungsmitteln und Ausrüstung zurückzukehren, der aber niemehr gesehen wurde! Seine Garimpeiro-Kameraden gerieten in einen furchtbaren Streit seinetwegen und waren gezwungen, die Mine zu verlassen. Wie dem auch sei, wie überall in Amazonien fand einer Edelsteine, die anderen folgten und der Ort wurde bis 1994 ausgebeutet.
Nach fünf Minuten Fußmarsch erreichen wir die eigentliche Mine. Sie besteht jetzt aus flimmernden Tümpeln voller Frösche und glitzernden Quarzstränden. Wir bleiben eine Weile und denken darüber nach, wie einst die Männer hier darauf bestanden, „Mutter Natur” auszubeuten und zu beherrschen. Mit diesen ernüchternden Gedanken kehren wir zu unserem Camp zurück, wo wir um 12.30 Uhr ankommen.
Zu unserem Schrecken ist unser Camp von Moskitos umwölkt (es scheint, sie haben uns geradezu aufgespürt!). Um der Plage zu entgehen, essen wir schnell und entscheiden uns, den Weg zum Igarapé des Rio Arabú zurückzumarschieren. Da wir den Weg vor zwei Tagen bereits gegangen sind, brauchen wir nur zwei Stunden und 15 Minuten – vielleicht angespornt von dem Wissen, dass uns (wie immer auf diesen Touren) ein perfektes Erfrischungsbad erwartet. Bei der Ankunft ist wenig zu tun außer sich in der idyllischen Umgebung zu entspannen nach einer wunderbaren Tageswanderung durch den Busch. Wie gewöhnlich bereiten die Guides ein sättigendes Abendessen (ich nannte es „Dschungel-Bolognese”), das alle genießen, bevor Aldair und Jeremias eine nächtliche Angeltour mit ihren Macheten und Taschenlampen unternehmen, um unseren Speiseplan um einige Proteine zu bereichern!
Nach dem gestrigen frühen Aufbruch vom Camp Bela Adormecida bietet der heutige Tag eine gute Gelegenheit zum Ausruhen und Wäschewaschen, da genug Zeit ist, die Sachen über einem von Tristan und Peter entfachtem Feuer zu trocknen – alles beginnt, verräuchert zu riechen, aber immerhin ist es sauber! Ich bleibe mit Peter bleiben den ganzen Tag im Camp, genieße den Frieden, die herrliche Umgebung und wir besprechen die Details zukünf0tiger Southern Cross Tours Unternehmungen, nur vom gelegentlichen erfrischenden Eintauchen in den Fluss unterbrochen.
Das Mittagessen aus Bohneneintopf, Nudeln, Reis und gegrilltem Fisch vom Fang der letzten Nacht bereitet die Expeditionsteilnehmer gut auf ihre Entdeckungstour mit Alberto vor, die ihnen noch mehr Gelegenheiten bieten, das vielfältige Tier- und Pflanzenleben zu beobachten und zu fotografieren. Sie kommen nach über einer Stunde zurück und Alberto trägt ein paar Saracura-Wurzeln, aus denen er einen Heiltrank braut, der nach seiner Aussage alle Organe im Körper reinigt. Es ist ein recht langwieriger Prozess, der damit beginnt, kleine Stücke der Wurzel in einen Tiegel zu schaben, dann fügt er Wasser hinzu und schlägt es kräftig mit einem Wurzelstück, bis es schäumt. Danach schabt er den Schaum aus, wiederholt die Prozedur noch viermal und trinkt schließlich die Mischung, die einen bitteren Geschmack hat, jeoch immer besser wird, je mehr man trinkt. Ein weiteres ausgezeichnetes Abendessen mit Steak, Wurst, Fisch, Teigwaren und Reis bereitet unsere nun ausgeruhten Körper auf den Trail des nächsten Tages vor. Nach einer Tasse Tee ziehen sich alle um 21.30 Uhr in ihre Hängematten zurück.
Es hat nun seit drei Tagen nicht geregnet, was ungewöhnlich erscheint, wenn man bedenkt, dass wir uns tief im Regenwald befinden, aber wir können uns nicht beklagen, da so niemand unter der Last nasser Ausrüstung zu leiden hat! Die Gruppe wacht um 7.00 Uhr zum Frühstück auf, bevor wir um 8.30 Uhr zum Wasserfall und unserem Kanu zurückwandern. Wir erreichen das Kanu (ja, es ist noch da – wie auch der Teibstoff und der Motor!) um 10.30 Uhr. Wir nehmen wieder ein erfrischendes Bad im Wasserfall. Jeremias und Alberto haben Früchte von der naheliegenden Planzung gesammelt an denen wir uns auf der eineinhalbstündigen Bootsfahrt zurück zur Sitio Jeremias laben. Das Stück Land war ursprünglich eine von amerikanischen Missionaren angelegte Siedlung und Plantage mit einer Schule, Krankenhaus und weiteren Einrichtungen, die heute nicht mehr zu finden sind. Es wurde Jeremias' Vater hinterlassen, der es jedoch nicht unterhalten konnte (Mischung aus Cachaça und Kapitalmangel!) und es in diesem Zustand seinem Sohn vererbte. Wir spannen unsere Hängematten in der Hütte auf, bevor Tristan, Aldair und Alberto mit dem Boot nach Camanaus fahren, um ein paar Bier (Cerveja) und Zuckerrohrschnaps (Cachaça) zu holen, da der harte Teil der Expedition nun vorbei ist und wir etwas relaxen können! Jeremias begrüßt uns bei unserer Rückkehr mit den Resten unseres Proviantes, einem Nudelfestmahl, Thunfisch in Tomatensoße und Bohneneintopf mit Kartoffeln und Reis.
Nach dem Mittagessen und ein paar wohlverdienten Bieren gehen Tristan und die Guides fischen. Angelruten gibt es nicht, nur eine Schnur und einen Haken mit Würmern als Köder von der Sitio. Die Indio-Guides sind wirklich geschickt damit, während meine Beute aus einem einzigen Fisch in zwei Stunden besteht – aber ich denke, das ist alles eine Frage der Übung! Wir fischen am sanft in den Rio Negro abfallenden Steinstrand – an demselben Ort, an dem Tristan seine Tagesnotizen schreibt, auf denen dieser Bericht basiert.
Es ist einer der malerischsten Orte, den wir auf der ganzen Expedition besucht haben, besonders wenn die tintenschwarze Nacht sich über ihn senkt und der Sonnenuntergang die Cumulo-stratus-Wolken gegen den Dschungel auf der anderen Seite des Rio Negro (mindestens 1,5 km entfernt) abhebt, während der Fluss sanft meine Füße umspült. Das Kreuz des Südens, das Southern Cross, erscheint im strahlendem Weiß am Sternenhimmel, als der Tag nahtlos in die Nacht übergeht. Eine geheimnisvolle Magie breitet sich über den Platz aus.
Zurück vom Fischen, braten wir die Fische auf Spießen über dem Feuer, während wir kaltes Bier, frischen Saft aus Früchten, die überall in der Umgebung der Sitio wachsen, und Cachaça trinken, wobei sich eine andere Art von Magie ausbreitet. Die Expeditionsteilnehmer schlafen bereits und Peter, Tristan und die Guides unterhalten sich über vergangene und gegenwärtige Erfahrungen im Regenwald beim unheimlich flackernden Schein des Kerzenlichts, untermalt von den nun schon vertrauten Dschungelgeräuschen. Alberto scheint einen unendlichen Vorrat an Geschichten zu haben, eine so faszinierend und spannend wie die andere. Aldair und Jeremias meinen, mehr Fische fangen zu müssen und verschwinden in der Dunkelheit mit handgemachten Harpunen, um zu sehen, was der Fluss hergibt. Alle anderen ziehen sich in ihre Hängematten zurück, um sich auszuschlafen.
Wecken um 6.30 Uhr, Tristan macht Frühstück über dem Feuer: Tee und Kaffee, gebackene Bohnen und Speck, extra aus England mitgebracht. Während die Expeditionsteilnehmer mit Alberto und Jeremias auf ihre letzte Entdeckungstour im Regenwald gehen, bereitet Aldair den vergangene Nacht gefangenen Fisch zu. Tucunaré heißt der Fisch, der groß (wie eine Forelle) ist und wunderschön gemustert mit großen gelben Kreisen auf beiden Seiten.
Sobald die Gruppe zurückkommt, essen wir den Tucunaré (gegrillt absolut köstlich) mit kaltem Reissalat und Bohneneintopf, bevor wir das Camp abbrechen und das Kanu beladen, um unsere Rückfahrt nach São Gabriel da Cachoeira anzutreten. Um 13.30 Uhr legen wir ab, der Außenbordmotor treibt uns gegen die Strömung des Rio Negro flussaufwärts. Auf der Fahrt können wir einen seltenen Blick auf die rosafarbenen Flussdelphine erhaschen, während Alberto all seine Geschicklichkeit und Erfahrung mit dem Fluss gebraucht, um die vielen Stromschnellen und Felsbrocken sicher zu bewältigen, die als natürliche Hindernisse unser Vorankommen erschweren. Tobias und Corinne jedoch scheinen nichts von den Gefahren des Flusses zu spüren, während sie ehrfürchtig die spektakuläre Aussicht auf den Bela-Adormecida-Berg bestaunen und emsig fotografieren, glücklich, dass sie es bis zum Gipfel geschafft haben.
Wir kommen um 16.00 Uhr in São Gabriel an und checken wieder in das Hotel Waupés ein, bevor wir den indianischen Kunsthandwerksladen besuchen, in dem die Expeditionsteilnehmer eine Landkarte und einen handgemachten Topf als Souvenirs von ihrem Amazonas-Abenteuer erwerben. Schöne handgemachte Körbe aus Lianen in allen Formen und Größen, kleine Schachteln aus Kokos, fein geschnitzt und gemustert, gibt es hier zwischen vielen anderen ausgestellten Waren, die auch noch preiswert sind! Wir gehen zurück zum Hotel, um eine dringend nötige Dusche zu nehmen und unsere Ausrüstung zusammenzupacken, bevor wir mit den Guides ein oder zwei letzte Biere trinken. Danach nehmen wir mit den Expeditionsteilnehmern ein köstliches Abendessen im besten Restaurant der Stadt ein. Tristan, der ja erst kürzlich dem Southern Cross Team beigetreten ist, wird von Peter und den Guides „The Jungle Boy” getauft. Um 23.00 Uhr, fallen wir in unserem Hotel in die bequemsten Betten, die wir je erlebt haben – im Vergleich zu den Hängematten unter den Sternen!
Frühstück um 6.30 Uhr im Hotel, bevor wir den Rico Bus zum Flughafen für unseren Rückflug nach Manaus um 9.50 Uhr nehmen. Der Flug an sich ist ein Abenteuer mit spektakulärer Aussicht auf den Rio Negro und den scheinbar endlosen Urwald, ganz zu schweigen von den unvorhergesehenen Zwischenlandungen und den schrecklichen Flugbedingungen in dem 40 Jahre alten Flugzeug. Wie auch immer, obwohl wir nur 20 Minuten vor unseren Anschlussflügen in Manaus landen, schaffen wir es und haben sogar noch Zeit, Corinne und Tobias zu verabschieden (dank Peters meisterhaftem Spracheinsatz, der uns schnell durch den Check-in schleuste), bevor wir getrennter Wege gehen, Peter und Tristan zum Hauptsitz des Unternehmens nach Rio de Janeiro, und die Expeditionsteilnehmer in die Schweiz.
Abschließend darf festgestellt werden dass die Tour in Nordamazonien eine großartige Sache war. Die Flexibilität der Reiseroute ermöglichte maximales Erlebnis für alle Beteiligten. Ohne jeden Zeitdruck konnte man beobachten und fotografieren. Die Guides waren freundlich, kenntnisreich und sehr hilfsbereit. Das Essen war erstklassig während der ganzen Reise und die Expeditionsteilnehmer schienen die Ferien ihres Lebens erlebt zu haben. Ich denke, wir haben ihre Erwartungen an die Reise erfüllt, da es einfach nur ihr Ziel war „im Dschungel zu sein”! Unsere Tour hat diesen Wunsch berücksichtigt und ihnen einiges darüber hinaus gegeben. Alles in allem liefert diese Southern Cross Expedition 5-Sterne-Abenteuer – wie all die anderen Touren, probiert sie aus!!!!