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Künstliche Fischbefruchtung durch Tukano-Indianer

6. September 2005


Wissenschaftler und Indios erarbeiten gemeinsam Lösungen zum Erhalt der Fischbestände am Oberlauf des Rio Negros

(entnommen einen Bericht von Ciro Porto und Valdemar Sibinelli aus der "Terra da Gente" Ausgabe August Nr.16, 2005)

Das amazonensische Fluss­system be­heima­tet etwa 2500 bekannte Fisch­arten. Unter diesen befinden sich zwei der größten Süß­was­ser­fische der Welt, der bis zu 300 kg erreichende Piraíba (Brachyplatystoma filamentosum) und den im Schnitt 150 kg schweren Pirarucu (Arapaima gigas). Man schätzt jedoch das noch etwa weitere 3000 Arten darauf warten von der Wissen­schaft ent­deckt zu werden. Arten­reich­tum ist jedoch nicht mit einer großen Popu­lations­dichte gleich­zu­setzen. Das Gegen­teil ist der Fall. Die enorme Arten­viel­falt Ama­zoni­ens ent­stand gerade auf­grund des geringen Nah­rungs­ange­botes. Die Flora und Fauna mußte sich, um zu überleben, ständig neu anpassen und spe­zia­lisie­ren. Das gleiche ist der Fall in den nähr­stoff­armen Schwarz­wasser­flüssen wie dem Rio Negro (aus dem Portu­gie­sischen "schwarzer Fluss"). Diese ent­wäs­sern die Sumpf­wälder der Terra Firme in denen es zu keiner richtige Humus­bil­dung kommt, da der Fluss seine Vor­stufen vor­zeitig aus­wäscht und dadurch seine kaffee­braune Fär­bung an­nimmt. Die aus­ge­schwemm­ten Humin­säuren machen das Wasser außer­dem stark sauer, der pH-Wert beträgt etwa 4. Aufgrund ihres geringen Tier­reich­tums wurden sie von ihren ersten Ent­deckern daher auch "Hunger­flüsse" genannt. Ande­rer­seits bieten sie den Vor­teil, dass man dort von Mos­kitos realtiv ver­schont bleibt.

Fisch stellt seit jeher eine wichtige Ei­weiß­quell für die native Be­völ­kerung der Region am oberen Rio Negro dar. Eine Um­frage unter den Indios durch die Ver­eini­gung Indi­gener Orga­nisa­tion am Rio Negro (Foirin) 1997 bis 1998 ergab, dass das für die Men­schen der Rück­gang der Be­stände durch Über­fischung das schwer­wie­genste Pro­blem dar­stellt, der wie­derum durch ein, für indi­gene Völker eher unge­wöhn­liches, starkes Be­völke­rungs­wachstum und der damit ver­bun­denen er­höhten Nah­rungs­nach­frage aus­gelöst wurde.

Darauf inizierte die Foirin gemein­sam mit einer weitern NGO, dem Sozial-Öko­logi­schen Insti­tut (ISA), und Spe­zia­listen des Zen­trums für Tro­pen­fische des Insti­tuts für Um­welt und er­neuer­barer Natur­res­sour­cen der natio­nalen Umwelt­be­hörde IBAMA am Ober­lauf des Tiquié das Pro­jekt zur künst­lichen Auf­zucht von Speise­fischen. Techniker dieses Insti­tuts brachten den Indios des Tukano-, Tuzuca und des Maku-Stammes alle not­wedigen Schritte zur künst­lichen Repro­duktion bei, die diese seit nun­mehr fünf Jahren in Labors in Mitten des Ur­walds am Ober­lauf des Rio Negro durch­führen und damit das Aus­sterben der Fische ver­hindern, die ihre Exis­tenz­grund­lage dar­stellen...

Bevor der gefangene Fisch zum Ver­zehr zu­berei­tet wird, ent­nimmt man ihm die Ge­schlechts­drüse und ge­winnt aus ihr die not­wen­digen Hor­mone, die dann den Weib­chen zur Be­fruch­tung in­jeziert werden So einfach, wie es im ersten Moment er­scheint, ist der gesamte Vor­gang jedoch nicht. So be­hindert die dichte Be­wal­dung eine Aus­wahl geeig­neter Orte für die Auf­zucht­becken. Zu starke Schwan­kungen der Wasser­tempe­ratur einiger Igarapés (über­schwem­mte Flächen) können zu großen Ver­lusten des Laichs führen. Außer­dem er­schwe­ren die großen Dis­tanzen zwischen den Labo­rato­rien und den Laich­plätzen ihre regel­mäßige Kon­trolle. Hierbei nutzt auch das Wis­sen der Indios nicht viel, da diese tradi­tionell zuvor weder Tier­zucht- noch haltung be­trieben. Dennoch ist eine enge Zusam­men­arbeit zwischen ihnen und den Wissen­schaft­lern un­ent­behrlich. Nicht zuletzt, da oft­mals aus­rei­chende wissen­schaft­liche Er­kennt­nisse über viele Arten fehlen und auf­grund finan­zieller und zeit­licher Eng­pässe auch nicht grund­legend erforscht werden können. Hier vertraut man dem Wissen und der Er­fahrung der Indios und kommt auf diese Weise zu weiteren Er­kennt­nissen.

Da wegen fehlender Mittel keine Futter­mittel zu­ge­kauft werden können, können auch keine markt­fähigen Quoten erzielt werden, was jedoch auch nicht not­wendig ist, da die Zucht nur der Ver­sor­0gung der ein­hei­mischen Be­völ­kerung dienen soll. Als Eiweiß­quelle werden Maniok­wurzeln sowie Ter­miten und Ameisen ver­füttert. Das fangen der Blatt­schnei­der­ameisen hat dabei noch den posi­tiven Neben­effekt, dass die Schäden der Pflan­zungen und Gärten dadurch ver­ringert wird. Trotz aller Schwie­rig­keiten beweißt das Pro­jekt, das nach­hal­tiges Wirt­schaf­ten bei gleich­zeiter Land­schafts­pflege unter Ein­be­ziehen der nativen, indigenen Be­völ­kerung möglich sind. Die Erfolge der Indios am Ober­lauf des Tiquíe bewegten diese, ihre Er­fah­rungen an andere Stämme der Region weiter­zugeben um weitere Auf­zucht­stationen zu eröffnen. Heute exis­tieren etwa 82 dieser Sta­tionen. Mittel­fristig die Er­rich­tung weiterer 80 in der Region am Ober­lauf des Rio Negros geplant.