(entnommen einen Bericht von Ciro Porto und Valdemar Sibinelli aus der "Terra da Gente" Ausgabe August Nr.16, 2005)
Das amazonensische Flusssystem beheimatet etwa 2500 bekannte Fischarten. Unter diesen befinden sich zwei der größten Süßwasserfische der Welt, der bis zu 300 kg erreichende Piraíba (Brachyplatystoma filamentosum) und den im Schnitt 150 kg schweren Pirarucu (Arapaima gigas). Man schätzt jedoch das noch etwa weitere 3000 Arten darauf warten von der Wissenschaft entdeckt zu werden. Artenreichtum ist jedoch nicht mit einer großen Populationsdichte gleichzusetzen. Das Gegenteil ist der Fall. Die enorme Artenvielfalt Amazoniens entstand gerade aufgrund des geringen Nahrungsangebotes. Die Flora und Fauna mußte sich, um zu überleben, ständig neu anpassen und spezialisieren. Das gleiche ist der Fall in den nährstoffarmen Schwarzwasserflüssen wie dem Rio Negro (aus dem Portugiesischen "schwarzer Fluss"). Diese entwässern die Sumpfwälder der Terra Firme in denen es zu keiner richtige Humusbildung kommt, da der Fluss seine Vorstufen vorzeitig auswäscht und dadurch seine kaffeebraune Färbung annimmt. Die ausgeschwemmten Huminsäuren machen das Wasser außerdem stark sauer, der pH-Wert beträgt etwa 4. Aufgrund ihres geringen Tierreichtums wurden sie von ihren ersten Entdeckern daher auch "Hungerflüsse" genannt. Andererseits bieten sie den Vorteil, dass man dort von Moskitos realtiv verschont bleibt.
Fisch stellt seit jeher eine wichtige Eiweißquell für die native Bevölkerung der Region am oberen Rio Negro dar. Eine Umfrage unter den Indios durch die Vereinigung Indigener Organisation am Rio Negro (Foirin) 1997 bis 1998 ergab, dass das für die Menschen der Rückgang der Bestände durch Überfischung das schwerwiegenste Problem darstellt, der wiederum durch ein, für indigene Völker eher ungewöhnliches, starkes Bevölkerungswachstum und der damit verbundenen erhöhten Nahrungsnachfrage ausgelöst wurde.
Darauf inizierte die Foirin gemeinsam mit einer weitern NGO, dem Sozial-Ökologischen Institut (ISA), und Spezialisten des Zentrums für Tropenfische des Instituts für Umwelt und erneuerbarer Naturressourcen der nationalen Umweltbehörde IBAMA am Oberlauf des Tiquié das Projekt zur künstlichen Aufzucht von Speisefischen. Techniker dieses Instituts brachten den Indios des Tukano-, Tuzuca und des Maku-Stammes alle notwedigen Schritte zur künstlichen Reproduktion bei, die diese seit nunmehr fünf Jahren in Labors in Mitten des Urwalds am Oberlauf des Rio Negro durchführen und damit das Aussterben der Fische verhindern, die ihre Existenzgrundlage darstellen...
Bevor der gefangene Fisch zum Verzehr zubereitet wird, entnimmt man ihm die Geschlechtsdrüse und gewinnt aus ihr die notwendigen Hormone, die dann den Weibchen zur Befruchtung injeziert werden So einfach, wie es im ersten Moment erscheint, ist der gesamte Vorgang jedoch nicht. So behindert die dichte Bewaldung eine Auswahl geeigneter Orte für die Aufzuchtbecken. Zu starke Schwankungen der Wassertemperatur einiger Igarapés (überschwemmte Flächen) können zu großen Verlusten des Laichs führen. Außerdem erschweren die großen Distanzen zwischen den Laboratorien und den Laichplätzen ihre regelmäßige Kontrolle. Hierbei nutzt auch das Wissen der Indios nicht viel, da diese traditionell zuvor weder Tierzucht- noch haltung betrieben. Dennoch ist eine enge Zusammenarbeit zwischen ihnen und den Wissenschaftlern unentbehrlich. Nicht zuletzt, da oftmals ausreichende wissenschaftliche Erkenntnisse über viele Arten fehlen und aufgrund finanzieller und zeitlicher Engpässe auch nicht grundlegend erforscht werden können. Hier vertraut man dem Wissen und der Erfahrung der Indios und kommt auf diese Weise zu weiteren Erkenntnissen.
Da wegen fehlender Mittel keine Futtermittel zugekauft werden können, können auch keine marktfähigen Quoten erzielt werden, was jedoch auch nicht notwendig ist, da die Zucht nur der Versor0gung der einheimischen Bevölkerung dienen soll. Als Eiweißquelle werden Maniokwurzeln sowie Termiten und Ameisen verfüttert. Das fangen der Blattschneiderameisen hat dabei noch den positiven Nebeneffekt, dass die Schäden der Pflanzungen und Gärten dadurch verringert wird. Trotz aller Schwierigkeiten beweißt das Projekt, das nachhaltiges Wirtschaften bei gleichzeiter Landschaftspflege unter Einbeziehen der nativen, indigenen Bevölkerung möglich sind. Die Erfolge der Indios am Oberlauf des Tiquíe bewegten diese, ihre Erfahrungen an andere Stämme der Region weiterzugeben um weitere Aufzuchtstationen zu eröffnen. Heute existieren etwa 82 dieser Stationen. Mittelfristig die Errichtung weiterer 80 in der Region am Oberlauf des Rio Negros geplant.